(aus dem Anhang zum Jahres-Rundbrief Weihnachten 2007 von Siegfried Busch)

Stuttgart 21

Manches wird zwar immer moderner, aber wird es auch schöner? Gestern saß ich vier Stunden im Stuttgarter Rathaus vor und auf der Zuschauertribüne im großen Sitzungssaal bei der Entscheidung zu „Stuttgart 21“. Künftig werden die Bahnreisenden wohl in Tunnels unter Stuttgart durchfahren, sie sehen von der Stadt dann nur den hypermodernen Tiefbahnhof mit Rolltreppen, Aufzügen und „Lichtaugen“. Keine Weinberge mit Grabkapelle auf der ehemaligen Burg Württemberg, keine Fabriken mehr wie Mercedes, Leitz oder Bosch, keinen Fernsehturm, keine Kirchen und die schöne Tallage mit den bebauten Hängen.

Dazu zwei Gedicht - Zitate:

„Trinkt o Augen, was die Wimper hält
Von dem goldnen Überfluss der Welt.“ (Gottfried Keller)

„Da liegst du nun im Sonnenglanz,
Schön, wie ich dich je sah,
In deiner Berge grünem Kranz,
Mein Stuttgart, wieder da..“ (Karl Gerok).

So war es heute wieder bei meiner Zugfahrt nach Mössingen. Künftig müsste es heißen:

„Da reise ich unter Stuttgart hin,
von der Stadt da seh ich nix,
das haben Autofahrer getan
und die Tücke des Geschicks.“

(unter Verwendung eines Verses von Theodor Haering aus „Der
Mond braust durch das Neckartal)

Das ist für mich ein unglaublicher Heimat- und Kulturverlust, die Reisenden eilen wie die Ratten in unterirdischen Gängen auf und davon. Durchgesetzt haben das Menschen, die selten oder nie mit der Bahn von und nach Stuttgart reisen, Autofahrer eben. Stuttgart verkommt jetzt zu einem Haltepunkt der modernen Beliebigkeit.